Ruhig geworden ist es um das Topthema zum Jahreswechsel: Der Dioxin-Skandal.
Was war geschehen:
Der Futterfetthersteller Harles und Jentzsch aus Schleswig-Holstein hatte dioxinbelastetes Industriefett zur Futterfettherstellung verwendet und die Produkte über die Spedition Lübbe bundesweit an Tierfutterhersteller geliefert. Daraufhin wurden die zulässigen Grenzwerte für Dioxine von 3-6 ng/kg in Eiern und einigen Fleischsorten um das 2-5 fache überschritten. Die Folge: Mehr als 4700 landwirtschaftliche Betriebe wurden vorübergehend geschlossen, egal ob tatsächlich Dioxin in den Produkten gefunden wurde oder nicht. Der Bezug von Produkten von Harles und Jentzsch reichte aus. Der Schaden für die Betriebe belief sich summiert auf mehr als 60 Mio Euro pro Woche. Presse, Funk und Fernsehen kannten tagelang kein anderes Thema mehr. Experten und solche, die sich dafür hielten sprachen von systematischer Lebensmittelvergiftung und riefen zum Boykott industriell gefertigter Nahrungsmittel auf. Und Harles und Jentzsch? Die Firma hat bereits Mitte Januar 2011 Insolvenz angemeldet. Die Geschäftsführer der Spedition Lübbe sehen einer Klage wegen unerlaubter Lagerung von Fetten für die Futtermittelherstellung entgegen. Das Verschneiden von Tier- oder Pflanzenfetten mit Industriefetten, der eigentliche Auslöser der Dioxinverseuchung, scheint juristisch eher nebensächlich zu sein.
Richtig ist:
Es ist eine Schweinerei im wahrsten Sinn des Wortes, Industriefette, die in vielfältigster Art und Weise kontaminiert sein können, für die Herstellung von Tierfuttermitteln zu verwenden. Erst recht ein Verbrechen ist es, wenn in voller Kenntnis einer Kontamination aus reiner Profitgier weiterhin Industriefett zum Verschneiden verwendet wird, wie im besagten Fall geschehen. Daher kann der Gesetzgeber nur dazu aufgerufen werden, die Verwendung von Industriefetten für die Herstellung von Futtermitteln grundsätzlich zu untersagen. Zusätzlich sollten die Industriefette eingefärbt und entsprechend kenntlich gemacht werden. Bei der Herstellung von Tierfuttermitteln sollte wie bei Lebensmitteln genau festgelegt werden, welche Stoffe erlaubt und welche eben verboten sind.
Genau so richtig ist aber:
Halbwissen, subjektive Ängste, eine auf Sensation ausgerichtete Berichterstattung und eine dumpfe Abneigung gegen die konventionelle Landwirtschaft sind ein übles Gebräu, den zweifelsohne vorhandenen Skandal vernünftig zu beurteilen. Landwirtschaft soll grün, niedlich und bloß nicht industriell sein. Doch vor Gift in Lebensmitteln schützt diese Idylle noch lange nicht.
Um nur einige typische Fehleinschätzungen zu nennen:
1. Die industrielle Landwirtschaft ist schuld
In der Tat erfolgt die „Tierproduktion“ in Deutschland weitgehend industriell. Höfe mit mehr als 1000 Schweinen und 100.000 und mehr Hühnern sind keine Seltenheit. Das kann man gut finden oder nicht. Es ist Fakt! Derart große Betriebe können ihre Futtermittel wie von den Grünen gefordert, nicht auf dem eigenen Hof anbauen, schon alleine aufgrund der benötigten Flächen. Futtermittel werden im Übrigen auch dazu gekauft, um den Tieren eine ausgewogene, vitaminreiche Ernährung zu sichern. Eine Landwirtschaft, bei der der Landwirt komplett alles selbst anbaut und auf jede Arbeitsteilung verzichtet, stellt einen Rückfall in das vorindustrielle Zeitalter dar. Zu diesen Zeiten konnte ein Landwirt mit Ach und Krach zwei bis drei Menschen, die nicht in der Landwirtschaft tätig waren, ernähren und nicht wie heute mehrere Dutzend!
2. Mit Bioprodukten wäre das nicht passiert
Leider doch: 2009 wurden aus der Ukraine mehrere Tausend Tonnen Biomais importiert, die erhöhte Dioxinwerte aufwiesen. Der Mais wurde von Biofuttermittelherstellern überwiegend zu Hühnerfutter verarbeitet. In der Folge wurden Biohöfe in mehreren Bundesländern geschlossen und Bioeier verschwanden aus den Regalen der Discounter. Erstaunlicherweise war die Aufregung bei diesem Bioskandal weitaus geringer. Anscheinend ist „Biodioxin“ weniger gefährlich. Und überhaupt: Eine umfangreiche Untersuchung der Stiftung Warentest, die nun bestimmt nicht im Rufe steht, von den großen Agrarkonzernen wie Monsanto, Bayer oder BASF gesponsert zu werden, hat im vergangenen Jahr klar gezeigt, dass konventionell erzeugte landwirtschaftliche Produkte, nach objektiven Kriterien gemessen, von mindestens der gleichen Qualität sind wie alternativ erzeugte. Letztere enthalten zwar keine oder nur geringste Mengen an Pflanzenschutzmittelrückständen, dafür aber mehr Toxine, die von einem verstärkten Befall mit Pilzen und tierischen Schädlingen herrühren.
3. Dioxin – das Ultragift
Um kein Gift wird so viel Aufhebens gemacht wie um Dioxin. Es fängt schon damit an, dass es sich hierbei um eine ganze Klasse von chemischen Verbindungen handelt, die sich in ihrer Giftigkeit und biologischen Abbaubarkeit erheblich voneinander unterscheiden. Dioxine sind auch keine Verbindungen, die von der oft gescholtenen chemischen Industrie in großem Maße freigesetzt werden. Dioxine und verwandte Substanzen entstehen bei jedem Verbrennungsvorgang, z.B. auch beim sommerlichen Grillen. Keine Frage, einige Vertreter dieser Klasse sind extrem giftig und krebserregend. Das ist allerdings kein Alleinstellungsmerkmal für Dioxine. Es gibt eine ganze Anzahl natürlicher Verbindungen wie das Tetanus-Toxin (Giftstoff, der von Tetanus-Bakterien freigesetzt wird) oder das Botulinus-Toxin, das von Bakterien produziert wird, die Lebensmittelvergiftungen verursachen. In manchen Kreisen wird das Toxin unter dem Handelsnamen Botox auch gerne zum Lippen Aufspritzen verwendet. Diese beiden natürlichen Gifte sind sage und schreibe 10.000 bzw sogar 30.000 mal giftiger sind als das giftigste Dioxin („Seveso-Gift“). Auch das „Allerweltstoxin“ Aflatoxin, das in jeder schimmligen Paranuss reichlich vorhanden ist, ist stärker krebserregend als Dioxine. Gefährlich sind die Dioxine weniger wegen ihrer akuten Toxizität, sondern aufgrund ihrer schlechten Abbaubarkeit und die damit verbundene Anreicherung im Fettgewebe von Menschen, die langfristig zu erheblichen Schäden führen kann. Grundsätzlich gilt auch immer noch das schon im 16. Jahrhundert von Paracelsius formulierte Dosis-Wirkungsgesetz: “Die Dosis macht das Gift. Das Bundesinstitut für gesundheitlichen Verbraucherschutz meldete hierzu schon vor 10 Jahren: „Die Belastung der deutschen Bevölkerung mit Dioxinen und anderen Organochlorverbindungen hat deutlich abgenommen. Das zeigen Analysen von mehr als 30 000 Frauenmilchproben. Die Auswertung dieser Daten ergab, dass Frauenmilchproben 1997 im Durchschnitt ungefähr 60 Prozent weniger Dioxine und Furane enthielten als noch 1990. Auch andere Umweltgifte wie DDT oder PCB hinterließen weniger Spuren.
4. Der Grenzwert wurde überschritten und damit besteht Gesundheitsgefahr
Der Grenzwert für die Summe aller Dioxine liegt in Abhängigkeit des jeweiligen Lebensmittels bei ca. 3-6 ng/kg. Das bedeutet 0,000.000.003 g Dioxin pro kg Lebensmittel und entspricht salopp gesagt ungefähr einem Stück Würfelzucker in der Bever-Talsperre. Die Festlegung dieser Grenzwerte ist im Übrigen ein ausgesprochen komplexes Verfahren. Stark vereinfacht ausgedrückt: Auf den empfindlichsten Tierversuch (der Mensch reagiert auf Dioxine wie man seit Seveso weiß, deutlich unempfindlicher als die Versuchstiere, auf denen die Grenzwerte beruhen) wird willkürlich noch einmal ein Sicherheitsfaktor von 100-1000 hinzugerechnet. Von Dioxin-Kontamination wird nach internationalen Konventionen erst bei Überschreiten eines Wertes von 15.000 ng/kg (!!!) gesprochen. Ein Überschreiten eines Grenzwertes um den Faktor 2-5 wie er in den Eiern und diversen Fleischprodukten festgestellt wurde, ist damit eigentlich nicht einmal der Rede wert. Erst recht wird hierdurch nicht die Gesundheit gefährdet. Der Rauch einer Schachtel Zigaretten enthält mehr krebserregende Substanzen (darunter auch Dioxine) wie ein durchschnittlicher Konsument sein ganzes Leben lang durch kontaminierte Eier aufnimmt.
5. Foodwatch und alle die nichts mit Industrie und Staat zu tun haben sind die Guten
Kein Skandal ohne Experten. Besonders hervorgetan hat sich bei dem diesjährigen Dioxin-Skandal die Organisation „Foodwatch“ mit der aufreißerischen Behauptung, das Dioxin käme aus einem Pflanzenschutzmittel namens Pentachlorphenol. Foodwatch beruft sich hierbei auf ein Gutachten eines Dr. Roland Weber, Leiter der Firma „POPs Environmental Consulting Göppingen“. Auf der Webseite von Foodwatch heißt es hierzu wörtlich: „Die ausführliche Analyse des international renommierten Dioxinexperten Dr. Roland Weber, der u.a. an der Universität Tübingen und in der Industrie zu diesem Thema geforscht hat und seit Jahren als Berater auf dem Dioxin und POPs Gebiet primär für UN-Organisationen und Umweltministerien tätig ist, finden Sie…“
Schauen wir uns Herrn Dr. Weber doch einmal genauer an:
„an der Universität Tübingen geforscht“: Das stimmt so nicht. Dr. Weber hat Ende der 90iger Jahre seine Doktorarbeit im Bereich der Organischen Synthese angefertigt, aber immerhin auf dem Gebiet der Dioxine. Eigenständige wissenschaftliche Arbeiten als Wissenschaftler oder Dozent hat er niemals in Tübingen durchgeführt. Seit dieser Zeit gibt es auch keine offiziellen Verbindungen mehr zur Universität Tübingen, wie beispielsweise wissenschaftliche Publikationen. „in der Industrie geforscht“ heißt im Klartext eine mehr oder weniger kurzfristige Anstellung bei der japanischen Stahlfirma und Schiffswerft „ Isihikawajima harima Heavy Industries“. Das ist genau der „richtige Ort“, um internationale Reputation auf dem Dioxin Gebiet zu erwerben. Eine japanische Schiffswerft! Es kommt noch besser: Die Firma „POPs Environmental Consulting Göppingen“ hat weder eine eigene Webseite, noch ist sie im Telefonbuch zu finden. Es reicht nicht einmal für eine eigene e-mail Adresse, die muss man sich schon kostenlos bei web.de holen: roland.weber10@web.de. Zu den angeblichen Beratertätigkeiten von Herrn Dr. Roland Weber für UN-Organisationen und Umweltministerien schweigt sich das sonst so auskunftsfreudige Internet gänzlich aus.
Und wie sieht das von Foodwatch zitierte Gutachten aus?
Schon der erste Blick offenbart, dass es sich nicht um ein Gutachten, sondern um eine Powerpoint – Präsentation handelt, die schlichtweg literatur- bzw. webbekanntes Wissen zusammenfasst. Es wird nicht eine einzige eigene Untersuchung von Probenmaterial der Firma Harles und Jentzsch präsentiert. Zumindest wird dies nicht kenntlich gemacht. Es ist schlichtweg kein Gutachten. Der besondere Knaller allerdings ist die auf Folie 21 beschriebene Feststellung, dass Pentachlorphenol, weil es als Pflanzenschutzmittel in nahezu allen Ländern der Welt seit langem verboten ist, nicht der Auslöser der Dioxin-Verunreinigung des Industriefetts sein kann. Genau das Gegenteil war auf der Homepage von Foodwatch zu lesen. Man hält es nicht einmal für nötig, das selbst in Auftrag gegebene „Gutachten“ zu lesen. Und warum? Ganz einfach: Bei Pentachlorphenol ist der Schuldige schnell gefunden: die böse Pflanzenschutzindustrie, deren einziges Anliegen es ist, die Menschheit langsam aber sicher zu vergiften. Erst eine kristallklare Stellungnahme des Umweltbundesamtes, die die Pentachlorphenol-These unter der Rubrik Blödsinn vermerkte, veranlasste Foodwatch dann die Formulierung Pentachlorphenol in Chlorphenol umzuändern. Eine kleine, aber feine Änderung. Chlorphenole werden in allen möglichen industriellen Produkten wie Desinfektionsmitteln (z.B. in den allseits bekannten Toilettensteinen) verwendet aber keinesfalls mehr in modernen Pflanzenschutzmitteln.
Und zuletzt auch noch ein Wort zu Foodwatch:
Es ist schon mehr als erstaunlich, dass irgendeinem Verein oder Organisation sobald sie versichern, nicht staatlich zu sein und auch kein Geld aus der Industrie zu bekommen, ein geradezu grenzenloses Vertrauen entgegengebracht wird. Die Frage nach den wirklichen Zielen solcher „Gutvereine und Gutorganisationen“ wird erst gar nicht mehr gestellt. Ein schönes Beispiel dafür ist die Webseite von Foodwatch. Das gesetzlich vorgeschriebene Impressum, das im Übrigen auch für gemeinnützige Vereine verbindlich ist, fehlt gleich vollständig. Den Vorsitzenden des Vereins Foodwatch erfährt man somit nur durch Googeln. Es ist ein gewisser Thilo Bode. Thilo Bode? Genau, das ist der Volkswirt und Finanzberater, der jahrelang bei Greenpeace eine Topmanager-Funktion besaß und dort sicher bis zur Perfektion gelernt hat, wie man mit den Ängsten der Menschen vor Umweltzerstörung maximalen Gewinn erwirtschaften kann. Und genau so ist die Webseite von Foodwatch aufgebaut. Im Hauptfenster wird Angst geschürt, um dann auf den Seitenleisten hemmungslos die eigenen Produkte anzubieten und für Spenden zu werben bis hin zum Testament. Das ist in hohem Maße unanständig und für gemeinnützige Vereine auch nicht erlaubt. Zum Vergleich werfe man mal einen Blick auf die Webseiten wirklich seriöser Organisationen wie Stiftung Warentest, oder die Seiten der Verbraucherzentrale NRW oder auch das Umweltbundesamt.
Und das Fazit der langen Geschichte?
Der Dioxin-Skandal ist ein mustergültiges Beispiel für eine fatale Fehleinschätzung von Lebensrisiken in weiten Teilen der Bevölkerung. Seit Bestehen der Bundesrepublik ist noch kein Mensch durch ein Dioxin ums Leben gekommen oder auch nur nachhaltig in seiner Gesundheit beschädigt worden. Wir haben aber auf der anderen Seite überhaupt kein Problem mit immer noch fast 6000 Verkehrstoten im Jahr sowie zehntausende Tote durch Alkohol- und Nikotinmissbrauch.
Die Industrie in unserer Marktwirtschaft arbeitet nach dem Prinzip der Gewinnmaximierung. Keine Frage. Aber sind die Firmen deswegen allein schon grundsätzlich die Schlechten? Dabei wird übersehen, dass es in diesem Land auch eine Ökoindustrie gibt, die ebenfalls nach diesem Prinzip arbeitet. Dieser ganze Wirtschaftszweig lebt zu guten Stücken von den Ängsten der Menschen vor Umweltzerstörung, belasteten Lebensmitteln, Klimakatastrophe usw. Das Maß der Dinge ist immer noch der gesunde Menschverstand und eine gute Portion Misstrauen, nicht nur gegen Politik und (Groß)industrie sondern auch gegenüber den Medien und den selbsternannten Heilsbringern aus der Ökobranche, die ihre Gewinne genau aus diesen Skandalen beziehen. Die Leidtragenden bei dem Dioxin-Skandal sind einmal mehr diejenigen, die am allerwenigsten dafür können: Unsere Landwirte.
Prof. Dr. Jürgen Scherkenbeck
Dipl. Chem.